Es waren nur Ratten!

Aufmerksam suchte die Augenzeugin mit der Taschenlampe den Tunnel ab und sah lediglich ein paar glänzenden kleinen Augen, dass hungrig aus der Dunkelheit funkelten. Ratten! Aber nicht viele… Die Augenzeugin setzte sich wieder hin. Ein paar Ratten werden hier unten, im Metro, nicht mehr als ernsthaftes Gefahr angesehen.

Diese Ratten können mich einfach nicht in Ruhe lassen. Vereinzelt folgen die mir, obwohl die eigentlich intelligent genug sein sollten, sich zu sammeln und mich endlich anzugreifen, so wie die bereits einige Stationen überfallen haben…

Die Augenzeugin zittert leicht an ganzem Körper und senkt den Kopf. Einige Gedanken an die vielen Menschen, dass nicht geschafft haben, sich in Sicherheit zu bringen, spiegelten sich kurz in Augen der Augenzeugin und verschwanden wieder, ersetzt durch die Kälte und Entschlossenheit.

Eigentlich warte ich nur darauf, dass ich von den Bestien verspeist werde. Und doch ist es bis jetzt immer so gewesen, dass diese Bestien auf meinem Speiseplan gewesen sind. Es mag seltsam klingen, aber an Schweinefleisch komme ich als einsame Frau ohne festen Wohnsitz an einer der Stationen, nicht so einfach ran. Und hey, Fleisch ist Fleisch. Und ich brauche es, um weiter überleben zu können. Auch wenn ich mein Leben hasse.

Ich habe bereits gehört, dass die Eltern eigene Säuglinge getötet haben, um die älteren Kinder etwas essbares auftischen zu können… Da bleibe ich lieber bei meinen Ratten.

Die Augenzeugin schaut in der Tasche nach, holt einen kleinen getrockneten Rattenkörper hervor und fängt an, daran zu kauen.

Was zum schreiben

Endlich!

Irgendwo an der Serpuchowsko-Timerjasewskaja Linie hab ich einen alten Schreibblock gefunden, dass zwar völlig verdreckt ist, aber dafür komplett leerere Seiten hat. So etwas findet man selten.. Was nicht von den Ratten verschleppt oder von unwissenden verbrannt wurde, das wurde in der Dunkelheit in den Dreck getrampelt. Ein kostbares Gut, dass ich ab jetzt bewahren und befüllen werde.

Sollte jemand je meine Aufzeichnungen lesen, so sollte der wissen – ich bin die unfreiwilligie Augenzeugin davon, was in Moskauer Metro passiert ist, und, hoffentlich, davon, was noch  hier, in der verwaisten U-Bahn-Katakomben, passieren wird…

Auch wenn ich meine Existenz nicht wirklich ertragen kann, so habe ich mich an mein Schicksal gewöhnt. Und mit diesen Aufzeichnungen hoffe ich wenigstens nicht nutzlos existiert zu haben.

Augenzeugin hört seltsame geräusche in der Dunkelheit und hört auf zu schreiben. Sie muss vorsichtig sein.