Die neuen Engel?

Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand rausgefunden hätte, was tatsächlich passiert; umso mehr freut es mich, dass ich es bin, die euch meine Hand in der Hoffnung auf Freundschaft entgegen strecken darf.

Die Wolken tanzten weiter. Eine davon – nicht sonderlich große – kam, langsam pulsierend, der offenen Hand der Augenzeugin immer näher und schließlich nur einige Haarbreiten über die Handfläche schwebend zum Stehen. Und leuchtete auf.

Wieso zeigt ihr euch erst jetzt? Und wer seid ihr eigentlich? Ich habe zwar einige Vermutungen, doch sicher bin ich mir nicht.

Die Wolke antwortete nicht, nur ihr Licht schien sich immer mehr auszubreiten und sich sanft um die Hand der Frau zu liegen. Die Augenzeugin fühlte die – ganz untypisch für Gas – knisternde Wärme, empfand diese jedoch sehr angenehm und gar beruhigend, als würde diese kleine Lichtquelle nicht nur ihre Hand, sondern auch ihre Gedanken, vielleicht sogar ihre Seele, erhellen.

Seid ihr die neuen Engel?

Kaum hatte die Frau diese Frage ausgesprochen, schon bewegten sich alle Wolken auf sie zu und blieben, leicht ab und auf schwebend, nebend der leuchtenden Schwester in der Luft hängen.

Ich habe auf euch gewartet!

Die Augenzeugin marschierte munter durch die Dunkelheit der Metro, nur Ihre Augen leuchteten leicht – sei es wegen der schwachen Taschenlampe, dass stehts auf den Boden gerichtet war, als würde die kleine Frau keinerlei Angst vor unbekannten Gefahren haben, oder wegen der Entschlossenheit, dass ihr deutlich im Gesicht anzusehen war. Nur noch ein paar hundert Meter bis zu einer halbwegs bewohnten Station… Leise flüsterte die Augenzeugin vor sich hin..

Es kann doch nicht sein, dass ich, ein Mensch aus Fleisch und Blut, eine unbezwungene Seele, jemand, der noch klar denken kann und halbwegs den Übersicht hier unten behalten hat, mich von jemanden verstecken muss. Ich habe doch niemanden etwas getan, ich bin nur da, um zu helfen!

Plötzlich bleibt die Augenzeugen stehen und drückt sich gegen der Tunnelwand. Einige Gaswolken tauchen aus der Dunkelheit auf und fangen an, sich im schwachen Licht der Taschenlampe in einem erschreckend faszinierenden, plastischen Tanz um die Frau zu kreisen. Ruhig, fast atemlos, beobachtet die Augenzeugin diese seltsame Licht und Schatten Spiele. Und dann..

Ich habe auf euch gewartet!

Die Augenzeugin streckt die freie Hand der Wolken entgegen und lächelt fast verliebt.

Wo, zum Teufel, ist Artjom hin?

Die Augenzeugin wischt sich die Lippen ab und nimmt erneut das Block in die Hände.

Man sagt, ein jünger Mann namens Artjom sei schuld an so manchen Vorkommnissen. Doch der ist verschwunden. Hat sich wohl auf die Oberfläche getraut, wäre nicht das erste Mal. In der Bibliothek war der wohl auch schon…

Die Augenzeugen schuttelt mit  dem Kopf und denkt an die seltsame Gestalten, die Bibliothekaren, dass dort, an der Oberfläche, das Gebäude für sich beansprucht haben sollen.

Man sagt auch, dass derwohl nie wieder zurück kommen wird, dass die Kreml-Sterne stärker waren. Viele Stalker sagen ja, dass niemand diese Sterne ansehen darf. Kein Mann darf das, sonnst ist der gleich verloren. Kein Mann…

Die Augenzeugin schmunzelt leicht und versteckt Schreibblock in der Tasche. Ein langer Weg wird das sein.

Es waren nur Ratten!

Aufmerksam suchte die Augenzeugin mit der Taschenlampe den Tunnel ab und sah lediglich ein paar glänzenden kleinen Augen, dass hungrig aus der Dunkelheit funkelten. Ratten! Aber nicht viele… Die Augenzeugin setzte sich wieder hin. Ein paar Ratten werden hier unten, im Metro, nicht mehr als ernsthaftes Gefahr angesehen.

Diese Ratten können mich einfach nicht in Ruhe lassen. Vereinzelt folgen die mir, obwohl die eigentlich intelligent genug sein sollten, sich zu sammeln und mich endlich anzugreifen, so wie die bereits einige Stationen überfallen haben…

Die Augenzeugin zittert leicht an ganzem Körper und senkt den Kopf. Einige Gedanken an die vielen Menschen, dass nicht geschafft haben, sich in Sicherheit zu bringen, spiegelten sich kurz in Augen der Augenzeugin und verschwanden wieder, ersetzt durch die Kälte und Entschlossenheit.

Eigentlich warte ich nur darauf, dass ich von den Bestien verspeist werde. Und doch ist es bis jetzt immer so gewesen, dass diese Bestien auf meinem Speiseplan gewesen sind. Es mag seltsam klingen, aber an Schweinefleisch komme ich als einsame Frau ohne festen Wohnsitz an einer der Stationen, nicht so einfach ran. Und hey, Fleisch ist Fleisch. Und ich brauche es, um weiter überleben zu können. Auch wenn ich mein Leben hasse.

Ich habe bereits gehört, dass die Eltern eigene Säuglinge getötet haben, um die älteren Kinder etwas essbares auftischen zu können… Da bleibe ich lieber bei meinen Ratten.

Die Augenzeugin schaut in der Tasche nach, holt einen kleinen getrockneten Rattenkörper hervor und fängt an, daran zu kauen.

Was zum schreiben

Endlich!

Irgendwo an der Serpuchowsko-Timerjasewskaja Linie hab ich einen alten Schreibblock gefunden, dass zwar völlig verdreckt ist, aber dafür komplett leerere Seiten hat. So etwas findet man selten.. Was nicht von den Ratten verschleppt oder von unwissenden verbrannt wurde, das wurde in der Dunkelheit in den Dreck getrampelt. Ein kostbares Gut, dass ich ab jetzt bewahren und befüllen werde.

Sollte jemand je meine Aufzeichnungen lesen, so sollte der wissen – ich bin die unfreiwilligie Augenzeugin davon, was in Moskauer Metro passiert ist, und, hoffentlich, davon, was noch  hier, in der verwaisten U-Bahn-Katakomben, passieren wird…

Auch wenn ich meine Existenz nicht wirklich ertragen kann, so habe ich mich an mein Schicksal gewöhnt. Und mit diesen Aufzeichnungen hoffe ich wenigstens nicht nutzlos existiert zu haben.

Augenzeugin hört seltsame geräusche in der Dunkelheit und hört auf zu schreiben. Sie muss vorsichtig sein.